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Liebling der Götter

Fashion / Interview / Retail

Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, an dem man von sich behaupten kann, mittendrin zu sein, dann wohl am Times Square in New York. Hier, in Midtown Manhattan, entwickelt der Designer Don O’Neill traumschöne Roben für das Label Theia.

Großstadtgewimmel im Glanz der Billboards und Leuchtreklamen. Nicht nur zur legendären Silvesterparty ist der Times Square einer der meistbesuchten und turbulentesten Plätze der Welt. Über 40 Theater sind rund um den Times Square zu finden, aber auch die amerikanische Technologiebörse NASDAQ hat sich beispielsweise hier angesiedelt. Touristen und Business-People rennen sich gegenseitig in die Hacken, während auf mächtigen LCDScreens bunte Werbebilder um die Wette blinken. Das Klischee von der Stadt, die niemals schläft – es ist keins. Umso bemerkenswerter: die konzentrierte Ruhe, die die Atmosphäre im Headquarter von Theia prägt. Wir befinden uns im zwölften Stock des Gebäudes Broadway 1412, und wie überall in New York herrscht hier eines: Platzmangel! Selbst so aufwendige Traumkleider wie die von Theia werden im Big Apple auf engstem Raum kreiert. Alles ist bis in die letzte Ecke zugestellt, überall Samples und edle Stoffe, Blumenillustrationen schmücken die Wände. Zwei junge Frauen sind damit befasst, Perlen per Hand aufzusticken. Die urbane Hektik unten in den Straßenschluchten scheint weit entfernt. Und doch sind wir unverkennbar in New York: Vom Empfang bis zum Showroom begegnen uns ausschließlich topgeschminkte und -gekleidete Mitarbeiterinnen – Statement-Ketten, hohe Stilettos und immer ein Kompliment auf den roten Lippen. Don O’Neill, der Kopf von Theia, ist ein blonder Hüne mit einem Jungengesicht. Als ich ihn frage, wie er sich als frisch gebackener 50-Jähriger fühlt, lacht er. Don teilt sich ein zugestelltes Eckbüro mit zwei Assistentinnen. Dort sitzt er am Rechner, zeichnet, steckt an Puppen ab, umgeben von einem Meer aus Moodboards. 20 Kleider galt es zuletzt in wenigen Tagen fertigzustellen, Schlaf war nicht in Sicht, und trotzdem macht der gebürtige Ire einen entspannten und äußerst gut gelaunten Eindruck – und das nach über 20 Jahren im Wahnsinns-Modezirkus New York. Eine echte Seltenheit. Vielleicht liegt es ja an der irischen Seele.

 

Ihre Kollektion heißt THEIA, nach der griechischen Göttin. Und Ihr Leben liest sich in manchen Passagen wie eine Sage mit schicksalshaften Wendungen und Zufällen. Glauben Sie an Schicksal?
Ja, ich glaube fest daran. Mein ganzes Leben ist von schicksalhaften Ereignissen geprägt. Ich bin in Irland am Meer aufgewachsen und habe als kleiner Junge davon geträumt, Kleider aus dem Sonnenschein zu machen, der auf dem Wasser glitzert – Kleider aus purem Licht. Viele Jahre später finde ich mich in New York wieder und nenne mein Label THEIA, nach der griechischen Göttin des Lichts! Das Schicksal hat meinem Leben immer wieder erstaunliche Wendungen gegeben. Zum Beispiel habe ich während meiner Kochlehre einen Modewettbewerb gewonnen, der mir die Ausbildung an einem renommierten Fashion-College in Dublin ermöglichte.

Sie waren bereits lange Jahre in der Modebranche tätig, als Sie 2009 Ihre eigene Kollektion ins Leben gerufen haben. Wie kam es zu dieser Entscheidung in genau diesem Moment? Hatten Sie schon früher einmal darüber nachgedacht, eine eigene Linie zu lancieren?
Ich war damals Creative Director bei Badgley Mischka Platinum, einer von der JS Group International in Lizenz herausgebrachten Abendmoden-Kollektion. Das Label war unglaublich erfolgreich, und ich wurde international als Gesicht der Marke wahrgenommen. Es gab jedoch Unstimmigkeiten bezüglich der Lizenzvereinbarung, und die JS Group entschied, den Vertrag nicht zu verlängern. Angesichts unserer fruchtbaren Zusammenarbeit beschloss die JS Group dann, mit mir gemeinsam ein neues Abendmodelabel ins Leben zu rufen und mir die Gelegenheit zu geben, eine neue Marke zu kreieren. So entstand THEIA.

Sie haben in London und Paris gelebt und dort mit großen Namen zusammengearbeitet. Was hat Sie veranlasst, nach New York zu gehen?
Auch an diesem Schritt hatte das Schicksal wieder seinen Anteil: Ich hatte fast drei Jahre lang in Paris gearbeitet. Aber ich hatte hier keine Ausbildung gemacht und sprach kein Französisch, und so erwies es sich als sehr schwierig, einen neuen Job in der Modebranche zu finden. Ich dachte, in New York würde ich sicher bessere Chancen haben, und begann, an der Greencard-Lotterie teilzunehmen. Als ich dann tatsächlich eine Greencard erhielt, arbeitete ich gerade bei Christian Lacroix und meine Situation hatte sich gebessert. Nachdem ich ihm gestanden hatte, dass ich in einer Zwickmühle steckte, schickte er mich zu seinem Astrologen. Der prophezeite mir, dass meine Zukunft in den USA liegen würde.

Wie unterscheidet sich die New Yorker Klientel von den Frauen in Europa?
Die New Yorker Klientel und die amerikanische Kundschaft im Allgemeinen hat einen größeren Bedarf an Abendgarderobe – ob sie diese nun auf Hochzeiten oder auf Charity-Events trägt. Die New Yorkerin liebt Schwarz und Dunkelblau, und zieht einen cleanen Look aus Crêpe oder Spitze vor, wohingegen die Europäerinnen längere Cocktailkleider bevorzugen, am besten mit Ärmeln.

Gibt es etwas in der ‚alten Welt‘, das Sie in den USA vermissen?
Ich fahre, so oft ich kann, nach Hause und besuche meine Familie, ich bin also sehr eng mit Irland verbunden. Aufgewachsen bin ich in O’Neill’s Bed & Breakfast, von wo aus man den Ballyheigue Beach in der Grafschaft Kerry überblickt, dem wohl schönsten Teil Irlands. Ich vermisse die Spaziergänge an diesem langen, wunderbaren Strand, die frische Luft, das schrille Pfeifen der Grasläufer, die an der Wasserkante entlangflitzen, und die majestätischen Sonnenuntergänge.

Sie haben ein sehr irisches Aussehen, um es mal klischeehaft zu formulieren. Fühlen Sie sich eher als Ire oder als Amerikaner?
Ich werde immer Ire bleiben, und doch bin ich stark von den Jahren beeinflusst, die ich in London, Paris und New York verbracht habe.

Sie sind gerade 50 geworden. Was bedeutet Ihnen das?
Oh, mein Gott … Wer hat Ihnen das erzählt?! Ja, ich bin am 12. Juni 50 geworden, aber gefühlsmäßig bin ich immer noch in meinen 30ern und warte darauf, erwachsen zu werden. Es erscheint mir surreal, tatsächlich schon in der Lebensmitte angekommen zu sein, und ich blicke dankbar auf mein bisheriges Leben, das mir so viel Gutes beschert hat. Ich wurde mit einem Partner gesegnet, einem gut aussehenden, geduldigen, liebevollen Franzosen, Pascal Guillermie, mit dem ich seit 23 Jahren zusammen bin. Ich bin mit einer wundervollen Familie gesegnet und mit vielen, vielen lieben Freunden aus der ganzen Welt. Und mit einer erfolgreichen Karriere. Ich bin gespannt, was das Schicksal für meine zweite Lebenshälfte bereithält.

Sie haben einmal gesagt, wenn Sie einen hässlichen Stoff ansehen müssen, bekommen Sie Bauchkrämpfe. Gibt es eine historische Epoche, die Sie als besonders ästhetisch empfinden?
Es gibt viele Epochen, die mich ästhetisch ansprechen und die ich inspirierend finde. Ich mag besonders die späten 1940er mit Diors ‚New Look‘, den Wespentaillen und diesen herrlichen Ballkleidern mit ihren außergewöhnlichen Stickereien.

Welchen Designer bewundern Sie?
Ich habe die Kreativität des späten Alexander McQueen zutiefst bewundert, ein Modegenie. Er besaß die Fähigkeit, sich das Unsichtbare vorzustellen, er brauchte keinen Schnitt, um einen Stoff eigenhändig zuzuschneiden und daraus ein perfektes Kleidungsstück entstehen zu lassen. Alexander McQueen konnte eine kreative Kraft kanalisieren, die einer mächtigen, in den Untiefen des Universums verborgenen Quelle zu entspringen schien und die so überwältigend war, so gewaltig, dass sein Körper dem physisch nicht gewachsen war. Ich bewundere auch die Arbeit von Sarah Burton, Stella McCartney, Thom Browne, Alber Elbaz, Riccardo Tisci, Mary Katrantzou, Iris van Herpen und Guo Pei, um nur einige zu nennen.

 Sie entwerfen nahezu ausschließlich Kleider. Was macht ein Kleid zum perfekten Kleidungsstück?
Mit einem Kleid ist man in einer Sekunde von Kopf bis Fuß perfekt angezogen. Man braucht nur noch Schuhe und vielleicht eine Tasche.

Sie haben viele prominente Kundinnen. Für wen würden Sie gerne einmal ein Kleid entwerfen?
Ich würde gerne einmal ein Kleid für Margot Robbie entwerfen, die gerade auf dem Cover der amerikanischen Vogue war.

Ihre letzte Brautkollektion war von dem Film ‚The Man Who Fell to Earth‘ von 1976 mit David Bowie in der Hauptrolle inspiriert und von den Unterwasser-Fotografien von Rafal Makiela. Wo haben Sie sich Ideen für Ihre aktuelle Abendkollektion geholt?
Die aktuelle Abendkollektion ist von einem Porträt der Marchesa Luisa Casati (die extravagante italienische Modeikone lebte von 1881 bis 1957 und war Muse zahlreicher Künstler/d. Red.) von Joseph Paget-Fredericks inspiriert: Vor einem goldenen Hintergrund führt sie ihre zahmen Geparde aus. Diese Inspiration zeigt sich in Form von schweren, schwarz-goldenen Abendkleidern, prächtigen Samtstoffen – die Marchesa liebte die Couture-Samtstoffe des französischen Modeschöpfers Paul Poiret – dekadenten Stickereien und natürlich Tierdrucken und Jacquardstoffen.

Sie designen Ihre eigene Kollektion, arbeiten in einem Büro mit Blick auf den Broadway und haben von der irischen Universität College of Cork die Ehrendoktorwürde verliehen bekommen. Gibt es etwas, das Sie unbedingt noch erreichen möchten?
Ich hätte gerne eine bessere Work-Life-Balance. Wenn man in New York in der Modebranche arbeitet, muss man viele Opfer bringen. Vier Ready-to-wear-Kollektionen müssen entworfen werden: Resort, Frühling, Pre-Fall und Fall, zwei Brautkollektionen im Jahr und zwei für die Brautjungfern wollen ebenfalls produziert werden. Wir müssen alle sechs bis sieben Wochen eine neue Kollektion fertig haben! Ich arbeite jeden Tag von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, außerdem an vielen Wochenenden. Ich suche nach einem Weg, um mehr Balance in mein Leben zu bringen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Fotos: Katharina Poblotzki

Gallery Magazine
Ausgabe 2/2016