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Das Jahr
des Windhunds

Fashion / Interview

Die Niederlande ist nicht nur eine Seefahrernation, die Niederländer sind auch Freigeister. Warum sonst hätte einst ein René Descartes bei ihnen Zuflucht gesucht, um den Kosmos einmal andersherum zu denken, ohne dafür gleich an den Pranger gestellt zu werden? Dass G-Star Raw aus Amsterdam bei Fashionshows einstweilen Gedichte vortragen lässt, liegt also womöglich in der Natur der Sache – genau wie der Umstand, dass mit Chefdesigner Pierre Morisset und Global Brand Director Shubhankar Ray ein Franzose und ein Halb-Inder die Geschicke des niederländischen Jeansbrands weithin mitbestimmen.

Berlin-Kreuzberg im Januar. Soeben ist in der St. Agnes Kirche die Fashionshow Herbst/Winter 2013/14 von G-Star Raw zu Ende gegangen, fernab der Runways der Berlin Fashion Week. Star auf dem Laufsteg in der in blaues Licht getauchten sakralen Stätte war nicht nur ein schwerer 20oz.-Denim in der neuen, intensivst dunklen G-Star-Farbe Mazarine – umgesetzt sowohl in Military- und Workwear-inspirierte Outfits als auch in exklusive Tailor-made-Styles. Ihre Qualitäten unter Beweis stellen durften darüber hinaus eine Ballerina und der US-Schauspieler Michael Madsen. Bekannt als ‚Mr. Blonde‘ aus Quentin Tarantinos ‚Reservoir Dogs‘ und als ‚Bud‘ aus dessen ‚Kill Bill‘, zeigt sich der zunächst von ungewohnter Seite und trägt ein selbstverfasstes Gedicht vor – ‚Change‘ heißt es und entstammt einem von Madsens insgesamt vier(!) Gedichtbänden. Dann aber fällt der Leinwandkiller offenkundig in alte Rollenmuster zurück: Er stößt einen markerschütternden Schrei aus, ein mächtiges „Raw“, sekundenlang. Während dieses unerwarteten Ausbruchs richtet sich die Aufmerksamkeit des Publikums nicht zuletzt auf das Denim-Jacket, das er trägt. Es weist Holster und Halterungen für Messer, Äxte, Macheten auf: Der Mann ist bis an die Zähne bewaffnet.

Eine Kampfansage in Zeiten der Krise? Eher nicht, verzeichnete G-Star Raw 2012 doch ein zweistelliges Umsatzplus. Und auch im Gespräch mit Pierre Morisset und Shubhankar Ray entsteht nicht der Eindruck, als müsste man sich gegen die Konkurrenz mit Waffengewalt zur Wehr setzen. Im Gegenteil. Seit G-Star 1989 gegründet wurde, ursprünglich unter dem Namen Gapstar, zeigt die Erfolgskurve im Grunde stetig nach oben – erst recht, seit Morisset und Ray mit im Boot sind. Letzterer stieß 2006 zum Team. Bevor ihn G-Star-Gründer und Geschäftsführer Jos van Tilburg als Global Brand Director nach Amsterdam holte, studierte der 1968 in Kalkutta geborene Shubhankar Ray Biochemie und arbeitete dann für verschiedene Modemarken, unter anderem für Levi’s. Zuletzt war er Creative Director des mallorquinischen Schuhlabels Camper – ein echter Cross-Denker also. Pierre Morisset, Jahrgang 1950 und Chefdesigner von G-Star, prägt die Handschrift des Brands bereits seit Anfang der 90er maßgeblich mit. Der Franzose war dabei, als G-Star 1996 mit der ‚Raw Denim‘-Linie debütierte, deren pure, unbehandelte Anmutung bis heute die Essenz der Marke ausmacht. Und es war ­Morisset selbst, der eine Ikone in Sachen Silhouette schuf: die ‚Elwood‘-Jeans mit ihrem längst legendären 3D-Design.

Herr Morisset, in den 90ern ist Ihnen mit der Elwood die G-Star-Hose schlechthin gelungen, ein Verkaufsschlager nach wie vor. Was bedeutet das 3D-Konzept heute für die Identität der Marke?
Pierre Morisset: G-Star ist ein modernes Brand, und für uns bedeutet Modernität: Wir orientieren uns nicht an Modetrends, sondern treiben die Entwicklung unserer eigenen Produkte voran, konzentrieren uns auf deren Funktionalität und Ästhetik. Das 3D-Design stellt im Denim-Bereich ein weitgehend unbeackertes Feld dar. Wir sind die Ersten, die sich damit tatsächlich auseinandersetzen, und das werden wir auch weiterhin tun.
Shubhankar Ray: Als ich damals bei Levi’s meine ersten Schritte ins Denim-Business tat, erlebte ich, wie sich alles um das amerikanische Erbe, Cowboys, Farmer und so weiter drehte. Für viele transportiert Denim etwas Nostalgisches. Nicht so für G-Star. Dass wir nicht mal ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel haben, geschweige denn 140 Jahre wie Levi’s, ist das eine. Dass sich unser Signature-Look fundamental von dem der Heritage-Brands unterscheidet, hat jedoch weitere Gründe: Wir kommen aus der Stadt, nicht vom Land. Unsere Herangehensweise an das Thema Denim ist eine sehr zukunftsgewandte. Wer eine unserer 3D-Silhouetten sieht, weiß sofort: Das ist G-Star. Los ging es ja mit der Elwood, also mit Hosen. Wie die Herbst/Winter-Kollektion 2013 deutlich macht, hat sich Pierre nun auch die Jackenärmel vorgeknöpft. Für mich steht fest: In der Idee, Denim mittels 3D ergonomischer zu gestalten, schlummert noch jede Menge Potenzial.

Wie lässt sich so eine 3D-Silhouette eigentlich erzeugen?
Morisset: Es gibt verschiedene Methoden, mit denen wir teilweise noch experimentieren. Simpel, aber auch besonders effektiv ist der Weg über den Schnitt und den gezielten Einsatz von Nähten wie bei der Elwood, wo unter anderem abgesetzte Kniepartien für mehr Beinfreiheit sorgen. Man kann den 3D-Effekt aber auch durch eine spezielle Behandlung der Materialien hervorrufen, zum Beispiel durch heißes Bügeln, was etwa bei Wolle funktioniert. Bei Knitwear besteht auch die Möglichkeit der Formgebung im Rahmen einer Fully-Fashioned-Verarbeitung, indem man mit größeren und kleineren Maschen arbeitet. 3D im Textildesign ist ja keine Erfindung von uns – man denke nur an den Wonderbra. Wir greifen lediglich eine bekannte Idee auf und übersetzen sie in einen neuen Kontext. Unterm Strich geht es schlicht darum, etwas Räumliches zu kreieren – und das auf möglichst elegante Weise. Denn Eleganz wird für G-Star immer wichtiger. Im Grunde betrachte ich meinen Job als verwandt mit dem des Architekten, der ich ja ursprünglich werden wollte.

Woran ist der Plan gescheitert?
Morisset: Man befand meine Fähigkeiten im Rechnen für nicht ausreichend. Heute weiß ich: Nicht nur als Designer, auch als Architekt ist Geschmack das A und O.

Und wie sind Sie zur Mode gekommen?
Morisset: Ich hatte eine Idee für ein paar Muster und habe einfach losgelegt. Das war 1974. Für Kleidung interessiert habe ich mich von klein auf. Bereits im Alter von acht Jahren fing ich an, Altkleidersäcke zu durchwühlen. Als Jugendlicher weitete ich mein Jagdrevier auf Trödelmärkte und Shops aus – die Grundsteinlegung für mein Archiv, das heute etwa 25.000 Teile aus den letzten einhundert und mehr Jahren umfasst und meine wohl wichtigste Inspirationsquelle ist.

Eben war aber doch davon die Rede, dass sich G-Star durch Modernität vom Heritage-Denim abgrenzt. Wie passt das zusammen?
Morisset: Ein Beispiel: Die Jacke, die ich trage, basiert auf einem Schnitt von etwa 1900. Damals trugen die Leute so eine Jacke, wenn sie reiten gingen. Diese Art von Kleidung geht nicht auf Entwürfe von Modedesignern zurück, sie ist das Ergebnis der Arbeit von Textilingenieuren. Ihre Bestimmung besteht darin, funktionell zu sein. Eben daher ihre perfekte Konstruktion, die sich in vielen wohldurchdachten Details widerspiegelt.
Ray: Um es noch einmal deutlich zu sagen: G-Star ist keine Fashion-Company. Wir stellen uns nicht die Frage nach dem nächsten großen Ding, sondern fokussieren uns auf das, was uns fasziniert. Das kann ein Material sein, eine Farbe oder ein spezielles Detail. Diese Faszination treibt uns an und lässt uns offen sein für Neues, Materialinnovationen zum Beispiel, aber auch für Einflüsse aus der Vergangenheit. Anstatt uns jede Saison und mit jedem Trend neu zu erfinden, können wir uns langsam und aus uns selbst heraus entwickeln. Das verstehen wir unter Modernität.
Morisset: Eine, vielleicht die Initialzündung für mein Interesse an funktioneller Kleidung, die mich ja nicht nur privat begeistert, sondern auch als Designer, lieferte eine Army-Hose. Ein Soldat der US Navy hatte sie meinem Vater nach dem Krieg überlassen. Da sie ihm zu groß war, trug er sie nur zur Gartenarbeit und zum Fischen, die übrige Zeit hing sie in unserer Garage. Die außergewöhnliche Farbe, der Schnitt – ich fand die Hose toll und bettelte meinen Vater an: „Bitte Papa, heb sie für mich auf. Wenn ich groß bin, möchte ich sie tragen.“ Als ich etwas älter war, 14 vielleicht, erinnerte ich mich an die Hose, doch meine Mutter hatte sie an einen Straßenarbeiter verschenkt. Am Beginn meiner Sammlerkarriere stand im Grunde die Suche nach Ersatz für diese abhandengekommene Hose. Und dass es eine Army-Hose war, ist wohl kein Zufall. Bei Armeebekleidung gibt es ja stets diese kleinen Besonderheiten, die sich je nach Kommando unterscheiden. Da hast du dann beim gleichen US-Army-Jacket 60 verschiedene Taschenformen, und das macht die Sache sehr aufregend. Dass mein Archiv voll von Uniformen ist, kommt also nicht von ungefähr. Auch in der aktuellen G-Star-Kollektion für Herbst/Winter sind Military-Einflüsse ein großes Thema.

Hat einer von Ihnen eine Erklärung dafür, warum Military in der Mode so oft ein Revival erlebt?
Ray: Einmal mehr lautet die Antwort: Textilingenieure. Ihr Produktwissen macht Militär-Outfits zu etwas Klassischem, vergleichbar mit einer Lederjacke oder einer Jeans. Military funktioniert daher auch als Antithese zur globalisierten Fast-Fashion. Jeder ist heute fashionable, und als Gegenbewegung wenden sich einige Leute gelangweilt von der Mode ab. Der Reiz der Uniform – auch der zivilen übrigens, Polizisten oder Stewardessen tragen ja ebenfalls eine – liegt meiner Ansicht nach in der Verquickung von Funktionalität und Style. Nicht umsonst hat Military auf direktem Weg Eingang in die Mode gefunden, über die Street-Fashion nämlich.
Morisset: An Militärbekleidung begeistert ja nicht nur die Robustheit ihres Materials. Hinzu kommt, dass sie ihrem Träger ein respektables Äußeres verleiht – weil sie aus Respekt für ihn kreiert wurde. Schließlich müssen Soldaten mit ihrer Uniform in den Krieg ziehen.
Ray: Das lässt sich in gewisser Weise auf den zivilen Alltag übertragen. Auch dort können Military-inspirierte Outfits ihrem Träger ein Gefühl der Sicherheit geben, in psychologischer Hinsicht. Das ist vielleicht gerade heute wichtig. Wie es aussieht, wird die junge Generation ja beruflich mehr kämpfen müssen als die davor.

Apropos kämpfen: G-Star hat 2012 ein zweistelliges Umsatzplus eingefahren. Lässt euch die Denim-Krise unbeeindruckt?
Ray: Ehrlich gesagt, mich irritiert bereits das Wort. Jeder, den ich kenne, trägt Denim, ob jung, ob alt. Jeder hat Jeans im Kleiderschrank. Krise hin oder her, für uns ist es wichtig, Denim glaubwürdig zu halten – ein Ziel, das wir nicht zuletzt mit der aktuellen Kampagne verfolgen. Nach sieben, acht Saisons der Zusammenarbeit mit dem Fotografen Anton Corbijn, der für uns Hollywood-Größen wie Liv Tyler, Vincent Gallo und Gemma Arterton in Szene gesetzt hat, schlägt G-Star ein neues Kapitel auf: Nicht nur indem wir den Fokus weg vom zweidimensionalen Medium Print hin zum 3D-Kampagnenvideo verlagern. Unter der Überschrift ‚The Art of Raw – The unlimited possibilities of Denim‘ zeigen wir in diesem Video den Herstellungsprozess einer G-Star-Jeans, von der rohen Baumwolle übers Einfärben des Garns bis hin zur Entstehung der Nähte. Eingekleidet wird am Ende kein Schauspieler, kein Model, nicht mal ein Mensch, sondern unser Skeleton Dog (das Windhundskelett, das in der neuen Kampagne auftaucht/d. Red.).

Warum das?
Ray: Es geht einmal mehr darum, die Fashion-Sphäre gedanklich hinter sich zu lassen. Indem wir Kleidung für ein nichtmenschliches Fantasiegeschöpf kreieren, machen wir unmissverständlich klar: Der Held der Kampagne ist Denim. Das Video bedient sich der Mittel der Animation. Dadurch wird auf sehr dynamische Weise eine Brücke vom Handwerk zu modernster Technik und Kunst geschlagen. Der Soundtrack stammt übrigens von Skrillex, dem Dubstep-DJ und -Produzenten. Unsere Kontakte zu Künstlern und Musikern pflegen wir also auch weiterhin.

Nicht nur eure Kampagne geht in eine neue Richtung. Es gibt auch eine neue G-Star-Farbe: Mazarine, ein intensives Blau, das fast schon ins Lila geht.
Morisset: Das stimmt. Das Besondere an Mazarine: Sowohl Kett- als auch Schussfaden sind blau eingefärbt, was nicht nur die Farbintensität, sondern auch die Haltbarkeit steigert. Inspiriert wurde dieser Farbton vom Toile de Chine, einem Material, das an Denim erinnert, jedoch wesentlich älter und auch hochwertiger ist. Es stammt ursprünglich aus China, daher der Name. Von dort aus gelangte Toile de Chine dann nach Europa. Vor 120 Jahren kleideten sich französische Landarbeiter und Fischer darin. In Marseille oder auch in der Bretagne findest du bis heute den einen oder anderen Stock.

Wo wir schon mal bei China sind: Ihr habt Anfang vergangenen Jahres ein Flagship in Hongkong eröffnet. Euer weltweit größter Store?
Morisset: Nein, der Store ist groß, über 500 Quadratmeter, aber nicht unser größter – und ja auch nicht der einzige in China. Der Laden in Shanghai, den wir ebenfalls letztes Jahr, im Dezember, eröffnet haben, umfasst 750 Quadratmeter. (Nach der Eröffnung des G-Star-Stores am Kölner Neumarkt Anfang April 2013 ist dies derzeit mit rund 800 Quadratmetern die weltweit größte Verkaufsstelle des Brands/d. Red.) Glas, Stahl, rougher Beton und pure, natürliche Materialien transportieren die ‚Raw‘-Botschaft von G-Star, in allen unseren Stores. Das Interieur-Design-Konzept stammt übrigens von mir.

Angesichts der Tatsache, dass Sie im Rahmen der ‚Prouvé Raw Edition‘-Serie in Zusammenarbeit mit Vitra Möbelklassiker des berühmten französischen Architekten und Interior Designers Jean ­Prouvé neu interpretiert und aufgelegt haben, erstaunt mich das wenig.
Morisset: Interior- und Industrie-Design interessieren mich eben sehr. Aber noch mal zurück zu den Stores. Da muss ich einfach die Anekdote erzählen, wie Madonna in Paris unseren halben Shop kurz nach der Eröffnung leergekauft hat.

Wirklich, Madonna?
Morisset: Ja, sie war auf Tour und kam mit ihrer gesamten Crew. Ich kenne Madonna ja noch von meiner Zeit bei Fiorucci. Sie war damals bei der Präsentation meiner ersten Women’s Collection in einem Pariser Swimmingpool mit dabei, da stand sie noch am Anfang ihrer Karriere: Wasser raus, Madonna rein, die dann gesungen hat, so war das damals.

Im vergangenen Herbst hat G-Star in Amsterdam seinen ersten Women’s Store weltweit eröffnet. Werden Sie die Frauen-Kollektion weiter puschen?
Morisset: Mir persönlich fehlt dafür leider die Zeit. Die Women’s Collection muss für sich selbst wachsen. Ich bin hier lediglich Ideengeber und sage nur soviel: In Sachen Frauenkleidung begeistert mich momentan besonders die Charleston-Ära und ihre enorme Eleganz. Mal sehen, ob wir daraus etwas machen.

Was wünschen Sie sich für 2013?
Morisset: Ich wünsche mir sehr, dass das Mazarine-Thema ein Erfolg wird. Wir werden damit in jedem Fall weiter experimentieren.
Ray: Viele gute Ideen. Wenn du kein Fashion-Label bist, sondern Kreativität als dein Business begreifst, ist konstante Innovation Teil deines Selbstverständnisses. Innovation hält bei G-Star den Motor am Laufen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

J’N’C Magazine
Ausgabe 2/2013