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Gut verdrahtet

Art & Culture / Fashion / Travel

Aus Metall und Schaumstoff kreiert die Berliner Textildesignerin Nadine Goepfert ungewöhnliche Kleidungsstücke – ihre Leitbilder liefern Philosophen wie Roland Barthes und Bruno Latour

Ein Pullover aus schimmerndem Kupferdraht. Zwar ist er weicher, als das Material vermuten lässt, dennoch: Hineinschlüpfen möchte man lieber nicht. Muss man auch nicht. Denn Tragbarkeit steht bei der Textildesignerin Nadine Goepfert nicht an erster Stelle. Vielmehr nähert sie sich der Mode auf künstlerischem Weg, hinterfragt in Installationen und Ausstellungen die teilweise absurden Regeln unserer Bekleidungsgewohnheiten.

Kasper König, Thomas Demand und Konstantin Grcic stehen auf dem Klingelschild der umgebauten Lagerhalle in Berlin-Schöneberg – gleich drei Hochkaräter aus der Kunst- und Designwelt. Und HelloMe, die Kommunikationsdesign-Agentur, mit der Nadine Goepfert sich ihr Studio teilt. Man ist also in bester, in allerbester Gesellschaft. Wobei Nadine und ihr Freund Till Wiedeck, Inhaber der Agentur, die „Beletage“ mit der durchgehenden Fensterfront und den sechs Meter hohen Decken ergattert haben. Hier empfangen uns ebenholzfarbenes Fischgrätparkett, darauf hingewürfelte Designklassiker, alles in Schwarz-Weiß gehalten, und ein marokkanischer Teppich als farbiges Statement. Und Nadine, die gleich erklärt: „Das Gebäude und der Hinterhofkomplex gehören Douglas Gordon, dem Künstler.“ Aha, daher weht der Wind. Offenbar vermietet der Schotte gerne an seinesgleichen.

Nadine Goepfert – lange dunkelblonde Haare, ein sandfarbenes Stricktop, eine hoch geschnittene Denim-Culotte und schwarze Wildledermules – wirkt frisch und ausgeschlafen. Sie führt uns in ihr vom Gemeinschaftsloft abgetrenntes, lichtdurchflutetes Studio mit viel Luft nach oben. Ein echter Glücksfall, denn hier können große Ideen buchstäblich fliegen lernen.

Ein glücklicher Zufall wollte es auch, dass die R’n’B-Ikone Solange Knowles sich für Nadines kokonartigen Pullover aus rosafarbenem Memory Foam begeisterte und ihn 2016 in ihrem Video zu „Cranes in the Sky“ trug. „Das Video hat mir im letzten Jahr viel Aufmerksamkeit eingebracht, das war Wahnsinn“, erzählt die zierliche Textilkünstlerin mit glänzenden Augen. Memory Foam ist ein Schaumstoff, der ein Formgedächtnis aufweist und damit jede Berührung speichert.

Goepfert beschäftigt sich als Künstlerin damit, wie unsere unbewussten und vielleicht auch gar nicht offensichtlichen Gewohnheiten unseren Stil prägen, mit den Automatismen und Absurditäten unserer Bekleidungstradition. „Der Mensch schafft das Objekt, aber das Objekt schafft auch den Menschen.“ Diese Erkenntnis des französischen Soziologen und Philosophen Bruno Latour ist eine zentrale Referenz in ihrem Werk. Ein Satz, der sie zu weiteren Fragen führt: Was hat Körpersprache mit Kleidung zu tun? Und inwieweit beeinflusst ein Outfit die Bewegungen?

Neun Kollektionen hat die 32-Jährige, die Textildesign an der School of Art and Design in Berlin Weißensee und der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam studiert hat, seit 2010 entwickelt – jede einzelne geprägt von verschiedenen theoretischen Ansätzen, außergewöhnlichen Materialien und unkonventionellen Verarbeitungsmethoden. Goepfert mag vom Glück begünstigt sein und sie ist ein sehr fröhlicher Mensch. Aber man kann nicht behaupten, dass sie es sich leicht macht. Im Gegenteil. Sie hat sich den Philosophen Roland Barthes zum Helden erkoren. Sein 400-Seiten-Werk „Die Sprache der Mode“ dreht sich um die sogenannten vestimentären Codes, um die Interpretation von Kleidung als ein Zeichensystem – nichts, was sich eben mal wegkonsumieren ließe. Goepfert zieht das Buch immer wieder zu Rate, liest es, um die Botschaften tiefer zu durchdringen, abwechselnd auf Englisch und auf Deutsch. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit Barthes Werk, zig bunte Post-Its zeugen von ihrer Auseinandersetzung mit den Theorien des Philosophen.

Aber auch mit den Materialien ficht Goepfert Kämpfe aus. Dass sie aus einer Handwerkerfamilie stammt, sieht man ihren sehnigen Händen an und der Art, wie sie mit ihnen Materialien zum Leben erweckt. „Geht nicht. Das gibt es nicht für mich!“, berichtet sie von den manchmal zeitraubenden Entstehungsprozessen ihrer Kollektionen. „Viele meiner Ideen sind technisch schwer umzusetzen. Eine Strickerin zu finden, die bereit war, meinen Pullover aus Kupferdraht zu produzieren, hat eine Weile gedauert“, gibt sie lachend zu. Die größte Herausforderung jedoch war der eingangs erwähnte Schaumstoffpullover. „Ich musste zunächst eine besondere Nähtechnik entwickeln, um zu verhindern, dass die Stiche aus dem Schaumstoff immer wieder ausrissen.“

Eine weitere Baustelle: Goepfers Arbeiten werden zwar in Museen wie dem Mataró in Barcelona oder dem Liljevalchs Museum in Stockholmgezeigt, aber aufgrund ihrer Materialität selten für die Sammlungen angekauft. „Schaumstoff verfärbt sich mit der Zeit – und löst sich dann nach und nach auf.“ Auch das Latex-Kleid, das von Verpackungsfolie inspiriert ist und eine aufdruckte Anziehanleitung hat, besitzt eine kurze Halbwertszeit und eignet sich nicht unbedingt fürs Archiv. Für den Freigeist Nadine kein Grund, auf das Material zu verzichten und sich kreativ in irgendeiner Weise einschränken zu lassen. Geeigneter für einen Ankauf wäre da der Hybrid aus Serviette und Latz, gefertigt aus feinster Plauener Spitze, die Nadines Praktikantin Jule gerade mit der Schere bearbeitet. Aber gehört ein Latz ins Museum? Wenn es nach Nadine geht schon.

Dennoch: Manches ist auch tragbar und wird auf Anfrage produziert. Goepfert freut sich, diesen Entwürfen im Alltag zu begegnen. In der Kollektion „Everyday Essentials“ zeigte die Textildesignerin im letzten Jahr eine Reihe von Jacken, Oberteilen, Röcken und Hosen und ließ sie quasi mit ihrer natürlichen Umgebung interagieren. Mit einem Kleiderbügel etwa, einem Stuhl, einer Stuhllehne. Es geht um den Moment, in dem das Kleidungsstück abgelegt wird und mit dem Aufbewahrungsort zu einer abstrakten Einheit verschmilzt. Aussparungen an Schulterlinien, um den Abdruck des Bügels zu vermeiden, große eingearbeitete Ösen, die als Aufhänger dienen, und Bänder, die vorgeben, wie ein Kleidungsstück gefaltet wird: Hier steht zur Abwechslung mal die Funktionalität im Vordergrund. Und die Transparenz. „Mich interessiert die Entfremdung, die entsteht, wenn eine Jacke, ein Rock oder eine Hose durchsichtig werden.“ So wie bei der durchscheinenden Daunenjacke, die Einblicke in ihr Innenleben gewährt. Oder dem transformativen Mantel „Liquid Coat“ von 2013. Unter dessen durchsichtigem Obermaterial wabert eine Flüssigkeit, so dass der Mantel ständig sein Aussehen ändert.

Monatelang tüftelt und experimentiert die Künstlerin, unterbrochen von Auftragsarbeiten, wie beispielsweise einem Print für ihren Lieblingsdesigner Vladimir Karaleev, den sie auch privat gerne trägt, oder einem Seidenschal für Kostas Murkudis. Doch nicht nur den menschlichen Körper will Goepfert aus dem Korsett der Konventionen schälen. Auch den Teppich und das Tischtuch hat sie aus ihrer strengen Geometrie herausgelöst. „Ich habe zunächst einen Teppich mit organischen Formen und vielen Aussparungen entwickelt, aus dem später ein variables System aus abstrakt geformten Teppichmodulen hervorgegangen ist. Die Einzelteile können nun auf verschiedenste Art zusammengesetzt und kombiniert werden.“

Ihre jüngste Arbeit heißt „Manners“ und spielt auf Tischgewohnheiten und gesellschaftliche Verhaltensregeln an: Die im vergangenen Jahr lancierten Tischdecken „Pedantry Cloth“ weisen durch ihre Prägung jedem Topf und jeder Gabel ihren Platz zu, die „Apron Towel“ ist eine Mischung aus Schürze und Spültuch. Ergänzt wurde beides kürzlich durch Unisex-Kleider mit integrierten Schürzen. „Schonbezüge und Wachstischdecken sind für mich Sinnbilder tiefsten deutschen Pragmatismus. Eine Erinnerung an unliebsame Besuche bei der Großtante sozusagen“, erklärt Nadine die Auswahl der gemusterten Stoffe und Folien, die sie eigens für die Serie entworfen und produziert hat.

Ihre nächste Kollektion befindet sich im Beta-Stadium. „Ich möchte die Dichotomie, die fehlende Kongruenz von Körper und Kleidungsstück auflösen und beschäftige mich gerade mit Konfektionsgrößen. Warum sollten wir uns von Zahlen oder klassifizierenden Buchstaben wie S, M oder L einengen lassen?“ Zu viel möchte Nadine aber nicht verraten, denn nicht nur in der High Fashion, auch in der Kunst lauern Copycats, die sich mit Vorliebe auf frische fremde Ideen stürzen. Eine Welt ohne Passformprobleme? Welch verlockende Utopie. Über weitere Pläne zu sprechen, dafür ist es noch zu früh. „Ich warte jetzt darauf, dass Beyoncé sich meldet“, sagt Nadine und grinst. Ein Showpiece für Solanges Schwester – das wär’s doch.

 

Lufthansa Exclusive Magazine 09/2018
Fotos: Jonas Holthaus