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So lebe ich – Jordi Mestre

Art & Culture / Food / Interior Design / Travel

Das Poblenou ist das Brooklyn Barcelonas. In einem ehemaligen Werkstatthaus des früheren Arbeiterviertels lebt und arbeitet der Kaffeeröster Jordi Mestre.

Barcelonas Innenstadt ist auch im Herbst von Touristen überschwemmt. Heerscharen junger Mädchen – ausgefranste Denim-Hotpants, Minirucksack und dick besohlte Sneakers – schieben sich durch die Gassen der historischen Viertel. Auf dem Weg zu Jordi Mestre, dem Inhaber der Kaffeerösterei Nømad, zeigt die katalanische Metropole eine andere Facette. Nordöstlich des Parcs de la Ciutadella gehört sie noch den Einheimischen, hier werden die Jugendstilfassaden der Altstadt von quaderförmigen Backsteinbauten mit ungenutzten, von großen Markisen abgeschatteten Balkonen abgelöst. Dahinter liegt Poblenou, ein ehemaliges Arbeiterviertel. Zum Meer hin hat es einen gemütlichen, fast dörflichen Charakter, am nordwestlichen Ende dominieren futuristische Neubauten wie der Torre Glòries von Jean Nouvel, Wahrzeichen des dort entstandenen IT-Distrikts. Dazwischen Dutzende Häuserblocks mit Industriebauten.

Lässig gekleidete Thirtysomethings verlassen die Metrostation Llacuna und streben im Bewusstsein, im richtigen Alter zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, selbstbewusst ihren Arbeitsplätzen zu.

Es sind Werkstätten, Lagerhallen und mittelständische Unternehmen, die das Leben in der Gegend noch bis vor zehn Jahren prägten. Die Bebauung und die schachbrettartig angelegten Straßenzüge erinnern an Brooklyn. Und die Ähnlichkeit ist nicht rein äußerlich: Hier wie dort hat die Gentrifizierung Einzug gehalten. Auch im Poblenou werden die alten Hallen nach und nach von Filmproduktionsfirmen, Design-Schulen, Architekturbüros und Co-Workspaces übernommen. Lässig gekleidete Thirtysomethings verlassen die Metrostation Llacuna und streben im Bewusstsein, im richtigen Alter zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, selbstbewusst ihren Arbeitsplätzen zu. Ein paar von ihnen sind auch auf dem Weg zur Carrer de Pujades 95, Heimat und Wirkungsstätte des Kaffeerösters Jordi Mestre.

Jordi, abgeschnittene Jeans und weißes T-Shirt, öffnet uns die Tür. Er ist einer, der das Potenzial der Gegend schon früh erkannte und sich nun glücklich schätzen kann. Seine dunklen Locken sind verwuschelt, die braunen Augen wach. Seiner Kaffeeleidenschaft zum Trotz trinkt er selbst höchstens zwei Tassen täglich, scheinbar ist er ohnehin ein aufgeweckter Kerl.

Als er vor drei Jahren nach einer Bleibe für sich und seine Rösterei suchte, befand sich das Poblenou bereits im Aufwind, aber die Mieten waren noch bezahlbar. „Zur Besichtigung dieses Hauses, bei der 16 andere Interessenten vor Ort waren, ließ ich mich von einem Ingenieur begleiten, der beurteilen sollte, ob die Räumlichkeiten für meine Zwecke geeignet wären.“ Als der Experte das Go gab, fackelte Jordi nicht lange. Keine 24 Stunden nach der ersten Besichtigung war alles unter Dach und Fach. „1500 Euro Miete für die 340 Quadratmeter auf zwei Etagen – da habe ich keine Sekunde gezögert. Diesen Preis noch zu verhandeln wäre mir ungehörig vorgekommen“, erinnert sich Jordi.

Das Erdgeschoss wurde zum Firmenhauptquartier: An das spartanisch eingerichtete Café schließt sich die Rösterei und das kühle Kaffeebohnenlager an. Die Loft-Etage darüber ließ der Jungunternehmer zum Wohnraum umgestalten. Wir gehen an einer Batterie von Fahrrädern vorbei die schmale Treppe hinauf. Hinter einer schlichten Metalltür beginnt Jordis Reich. Der erste Blick fällt auf eine freistehende Kochinsel: ein massives graues kopfstehendes U, in das ein Gaskochfeld eingelassen ist. Darunter ein Gasherd auf Rollen, beides offenbar in häufiger Benutzung. Neben der Insel steht ein großer Tisch aus Sequoiaholz, an dem bequem acht Gäste Platz nehmen können. Darauf eine handgetöpferte, weiß und grün lasierte Tonschale. An der Wand dahinter balancieren vier gemauerte Säulen ein schweres weißes Marmorbecken, das von offenen Regalen flankiert ist. Alles wirkt zweckmäßig, aber dennoch nicht nachlässig. Man sieht, dass es Jordi keineswegs gleichgültig ist, welche Dinge ihn umgeben, auch wenn er offenbar keine Lust auf prätentiöse Dekoration hat. Alle Möbelstücke scheinen einen Charakter, eine Seele, zu haben. Und fast wirkt es, als hätte Jordi die Dinge, mit denen er lebt, adoptiert, um sie vor einem ungewissen Schicksal zu bewahren.

Als er auf seine auffällig zahlreichen Pflanzen zu sprechen kommt, bewahrheitet sich die Vermutung. „Einige der Pflanzen habe ich auf der Straße gefunden. Ich päpple sie auf, ziehe aus Ablegern Nachkommen. Andere hat mir mein Nachbar gegeben.“ Der Nachbar heißt Oriol und ist, neben seiner Freundin, seiner Familie und seinen Mitarbeitern, ein wichtiger Mensch in Jordis Leben. „Als ich in die Gegend zog, haben mir meine Freunde gesagt: Du musst unbedingt Oriol kennenlernen! Also bin ich eines Tages zu ihm rübergegangen. Wie sich schnell herausstellte, teilen wir viele Leidenschaften.“ Der Nachbar sammelt Möbel und Objekte aus Wohnungs- und Firmenauflösungen, züchtet daneben Pflanzen und hält sich ein paar Hühner. Ein nicht geringer Teil der Kakteen, Sukkulenten, Gummibäume, Agaven und Kräuter stammt also vom Hinterhof nebenan. Und auch die meisten von Jordis Möbeln sind durch Oriols Hände gegangen. Seit seinem ersten Besuch ist der Kaffeeröster unzählige Mal drüben gewesen und selten ohne einen neuen Schatz heimgekehrt. Auch den großen, massiven Eichenholzschrank, den er jetzt öffnet, hat Oriol besorgt. Hier bewahrt Jordi sein Geschirr auf, ein buntes Sammelsurium aus Tellern, Tassen und Schüsseln. Sein Porzellan wirkt wie eine große Familie. Kein Stück gleicht dem anderen und doch scheint alles verwandt und auf tieferer Ebene verbunden.

Jordi ließ sich zum Barista ausbilden und durfte bald die Großen der noch jungen Szene treffen. Nicht nur das: Er wurde selbst einer.

Jordi lässt dem Zufall bei seiner Einrichtung eine Chance, der Designer blitzt trotzdem an allen Ecken und Enden auf. Wie sollte er ihn auch verhehlen? Bevor Jordi ins Kaffeebiz einstieg, studierte er Produktdesign in seiner Heimatstadt Barcelona, dann Möbelrestaurierung in London. Beides machte ihn aber nicht glücklich: „In diesen Disziplinen ist es unmöglich, deine Vorbilder zu treffen. Sie sind schlichtweg unerreichbar“, erklärt der 32-Jährige. Er jedoch war wissbegierig, wollte es auf seinem Gebiet unbedingt zur Meisterschaft bringen und kein Dasein unter ferner liefen fristen. „2007 hatte die Welle der neuen Kaffeekultur London erfasst, hier in Barcelona krähte damals noch kein Hahn danach. Ich habe mir zu der Zeit in Bars in Hackney ein Zubrot verdient und wurde von der Begeisterung geradezu mitgerissen.“ Jordi ließ sich zum Barista ausbilden und durfte bald die Großen der noch jungen Szene treffen. Nicht nur das: Er wurde selbst einer. Zweimal in Serie, 2012 und 2013, wurde Jordi zum besten Barista Spaniens gewählt – für ihn als Spät- und Quereinsteiger ein immenser Erfolg. Und die perfekte Grundlage für sein junges Unternehmen, das heute eine Kaffeerösterei, einen Großhandel und drei eigene Cafés umfasst.

Dass er dennoch nicht ganz unbeleckt in sein heutiges Geschäft eingestiegen ist, verrät Jordi, als er am anderen Ende des offenen Raumes vor das hohe rote Regal tritt. „Mein Vater hat bei Nestlé gearbeitet, er war der Direktor der größten Kaffeerösterei in Spanien. Von ihm habe ich die Sammlung von Kaffeelikören übernommen.“ Jordi deutet auf die gut 120 Flaschen starke Sammlung, die alle oberen Fächer einnimmt. „Den Geschmack dieses süßen Getränks mochte mein Dad gar nicht – genauso wenig wie ich –, daher sind alle Flaschen noch ungeöffnet.“ Noch ein Adoptionsfall also. Ähnlich wie im Fach darunter. „Das ist die Kollektion von Kunstbüchern meines jüngst verstorbenen Onkels“, erklärt Jordi. Und greift nach seinem Lieblingswerk, das allerdings zu seinen eigenen Anschaffungen zählt: ‚100 Chairs in 100 Days and its 100 Ways‘ des italienischen Designers Martino Gamper. „Du findest hier Sitzmöbel, die alle erdenklichen Verfremdungen erfahren haben. Martino Gamper war Tutor am Londoner Royal College of Art und sein Buch hat mich stark beeinflusst.“ Das ist offensichtlich: Stühle und Sessel ganz unterschiedlicher Provenienz bevölkern das Loft. Insgesamt 37 Sitzmöglichkeiten warten drinnen und draußen auf Jordis Gäste. Darunter auch der Schaukelstuhl, der in seinem mit alten Glastüren etwas abgeschirmten Schlafzimmer steht. Er zählt ebenfalls zu jenen Stücken, die der Design-Enthusiast bei Oriol gefunden hat, und erstrahlt nach einer Restaurierung in neuer Schönheit.

Eine Terrassentür führt vom Schlafraum nach draußen. Hier leben gut drei Dutzend weitere Pflanzen in zweckmäßigen Tontöpfen, die täglich gewässert werden wollen. Sehr gut kann man sich den leidenschaftlichen Koch auf der Terrasse in geselliger Runde mit seinen Freunden vorstellen. Ein Fisch auf dem Grill, eine Flasche Wein auf dem Tisch. „Komm, ich muss dir noch etwas zeigen!“ Über die nächste schmale Treppe steigen wir auf das Dach des Gebäudes. Vom First aus neigt es sich nach beiden Seiten sanft. „Hier oben möchte ich eines Tages ein Haus bauen“, sagt Jordi mit leuchtenden Augen. „Wenn ich Familie habe, wäre es fantastisch, zukünftig hier zu wohnen.“ Wie das Haus aussehen wird? „Große Fenster soll es haben, die alle zu einem Innenhof zeigen – und es muss schnell fertig werden.“ Jordi kennt eine Firma, die solche Aufträge in kürzester Zeit erledigen kann. „Nachdem der Umbau meines Lofts acht Monate beansprucht hat, bin ich jetzt glühender Verfechter der Hauruck-Methode“, lacht Jordi. Der Blick schweift über den Hinterhof des Nachbarn, wo schon die nächsten Adoptivpflänzchen warten, dahinter grüßt der glitzernde Turm von Jean Nouvel. Er scheint der stehende Beweis zu sein, dass die Zukunft im Poblenou sehr schnell näher rückt. Und Träume wahr werden.

The Weekender
Ausgabe 27
2017