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So lebe ich – Jesse Kamm

Fashion / Interior Design / Travel

Die Modedesignerin Jesse Kamm hat sich und ihrer Familie in Los Angeles ein Refugium geschaffen, um das sie so mancher überzeugte Stadtflüchtige glühend beneiden wird.

Nur mit Mühe erklimmt unser Fiat Cinquecento den steilen, kurvigen Hang des Mount Washington. Ein Kurierfahrer kommt uns entgegen, hupt und zwingt uns rückwärts in die letzte Biegung zurück. Hier oben erinnert die Verkehrssituation eher an ein korsisches Bergdorf als an Los Angeles, die wohl autofreundlichste Stadt der Welt, in der als Freak gilt, wer einen halben Kilometer zu Fuß zurücklegt. Als es fast nicht mehr weitergeht und uns die Stadt schon zu Füßen liegt, stoßen wir endlich auf die letzte Wegmarke für heute – einen dunkelblauen 1985er Mercedes, der eng an eine Gartenmauer geschmiegt ist.

Er gehört Jesse Kamm, einer amerikanischen Modedesignerin, die vor wenigen Monaten hier oben, nur sechs Meilen von Downtown L.A. entfernt, gemeinsam mit ihrem Mann ein Haus gekauft hat. Jesse, 1,80 Meter groß, schlank, blond und blauäugig, kommt uns in einer weiten hellen Hose und einem verwaschenen leichten Jeanshemd entgegen. Ihre Haare hat sie unter einen Filzborsalino gestopft. Dass sie früher mal Model war, kann man sich noch immer gut vorstellen, allerdings scheint das Bling-Bling der glamourösen Modelagenturen sie nicht nachhaltig beeinflusst zu haben. Julien, ihr sechsjähriger Sohn, gibt uns schüchtern die kleine, klebrige Hand – und wird fortan nicht mehr gesehen.

„Vorsicht, die Einfahrt ist verdammt steil, nehmt am besten diesen Weg“, warnt uns Jesse. Wir kraxeln mit dem Fotoequipment über die gerippten Platten der Auffahrt und treten durch das Tor zum Hof. Ein einstöckiges, mit olivgrünen Schindeln verkleidetes Haus mit rostrot gestrichenen Fensterrahmen, zwei ausgebleichte olivgrüne Baumwollsessel, ein flacher geflochtener Korbtisch, ein paar Topfpflanzen und ein Schwarm Spatzen bilden das Empfangskomitee. Uns wird klar: Wir befinden uns in einer Oase.

Als wir über die Schwelle des Hauses treten, fällt unser Blick sofort auf die Terrassentür, die wie sämtliche Türen offen steht. Kaum 30 Sekunden sind wir im Innern des Gebäudes, da zieht uns das Panorama, das sich uns draußen bietet, unweigerlich wieder ins Freie. Dort veranstaltet nämlich die bald untergehende Sonne ein grandioses Lichtspiel auf den Steilwänden der gegenüberliegenden Berge. Es dauert einige Momente, bis wir den überwältigenden Ausblick von der lang gestreckten, das Haus halb umlaufenden Terrasse verdaut haben. „Ich habe mich auch noch nicht daran gewöhnt“, gesteht unsere Gastgeberin angesichts unserer stummen Bewunderung. „Seit Monaten poste ich Fotos und Videos von diesem Ausblick. Meine Freunde halten mich langsam für verrückt.“ Auch ihr Vater in Illinois, dem sie nach dem im Eilverfahren abgewickelten Kauf die ersten Bilder ihrer neuen Bleibe mailte, war zunächst schockiert: „Kind, bist du von allen guten Geistern verlassen? Ein Haus in Los Angeles? Bei den Reichen und Berühmten?! Mit diesem Blick?! Hast du vergessen, wo du herkommst?!“ Erst als Jesse ihn über die glücklichen Umstände und den günstigen Kaufpreis aufklärte, beruhigte er sich.

Wie als Beweis für ihre Bodenständigkeit bietet Jesse uns direkt ein Bier an. Auch sie selbst trinkt eines – ganz casual aus der Flasche. Sie muss erst mal durchatmen, die „Vogue“ war heute da, um ein Interview mit ihr zu machen. Der Anlass: das zehnjährige Jubiläum von Jesses Modelinie, mit der sie hier, aber auch in Europa, von Beginn an Erfolge feiern konnte. Das Atelier, in dem sie ihre Kollektion entwickelt, nimmt den hinteren Teil des Hauses ein. Von der Nähmaschine aus bietet sich der gleiche atemberaubende Blick wie von der Terrasse. Stoffballen und eine Kleiderstange mit den jüngsten Entwürfen, sonst steht hier nichts herum. „Das Haus ist nicht groß, im Gegenteil“, erklärt Jesse lachend die auffällige Ordnung, die hier herrscht. „Andere Leute hätten vielleicht ein Problem damit, zu dritt auf dieser Fläche zu leben und dann auch noch hier zu arbeiten. für mich jedoch ist es der reine Luxus.“ Auch das Schlafzimmer, das durch das Doppelbett fast schon ausgefüllt ist, und der offene Ess- und Wohnbereich sind von Jesses sparsamem, fast spartanischem Einrichtungsstil geprägt. Da erscheint die kleine Musikecke mit dem Schaffell schon fast als Platzverschwendung.

Ein Ort, der nicht im Blickfeld ist und daher ruhig auch mal unaufgeräumt sein darf, ist Juliens Spielbereich auf einer kleinen Empore, zu der eine Wendeltreppe führt. Dort oben erscheint sein blonder Wuschelkopf über dem Geländer. Er hat seine Mutter für heute lang genug mit Journalisten geteilt, möchte jetzt ihre Aufmerksamkeit – und Pizza essen. Das sehen wir ein, auch wenn wir liebend gerne noch länger die Ruhe des Ortes und den Lichtwechsel am abendlichen Himmel genossen hätten. In der Dämmerung kurven wir im zweiten Gang wieder in die Stadt hinunter, die uns nach wenigen Minuten mit ihren Millionen Lichtern und ihrem Motorenlärm verschluckt.

 

The Weekender
Ausgabe 14
2014