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Der Duft des Nordens

Art & Culture / Travel

Die Rolltreppe zieht uns tief hinunter, in den Bauch von Stockholm. Es geht hinab in ein Gewölbe aus kühlem Stein, ein metallischer Geschmack legt sich auf die Zunge. Ich folge Ben Gorham, dem Gründer des schwedischen Parfüm-Labels Byredo, auf den Spuren seiner Erinnerungen durch die Stadt. Sie sind die Grundlage seiner Düfte, das Fundament seiner Marke.

Kungsträdgården heißt die Endstation der blauen Linie der Stockholmer Tunnelbana. Auf dem Weg zur Schule stieg der junge Ben in einem Stockholmer Vorort in die Bahn, hier spuckte sie ihn wieder aus. Kungsträdgården könnte als unter-irdische Bühne für eine nordische Nibelungensage herhalten: Die Gewölbe leuchten tannengrün, an manchen Ecken stehen seltsam grobschlächtige Skulpturen. Im Kontrast dazu bilden Fliesen in Schwarz, Weiß und Ochsenblutrot geometrische Muster. „Diese Szenerie hat meine Fantasie immer mächtig angeregt“, erinnert sich Gorham. „Die Vokabeln, die ich damals gepaukt habe? Längst vergessen. Den Geruch jedoch habe ich abgespeichert.“
Diese Duft gewordene Erinnerung, untrennbar mit seiner Kindheit verbunden, hat Gorham viele Jahre später zu einem seiner ungewöhnlichsten Düfte, dem „M/Mink“, inspiriert: „Er ist ein extremer Duft, an dem sich die Geister scheiden. Er riecht nach Tinte, aber auch nach Eisen. Fast ein bisschen wie Blut.“ Das Geheimnis hinter der Rezeptur: Sie weist das 40-Fache der üblicherweise verwendeten Menge von Adoxal, einem stark riechenden Aldehyd, auf. Die Herznote ist Weihrauch, Gorhams Lieblingskomponente. „Dabei bin ich gar nicht katholisch“, sagt der 42-jährige frühere Basketballprofi, der seine langen, dunklen Haare zu einem Zopf geflochten trägt.
Hinter der beeindruckenden Physis von Gorham, der uns in Vans-Sneakers und Jeansjacke durch Stockholm führt, verbirgt sich ein sensibler Feingeist. „Wenn ich ein Parfum entwickle, sammle ich Fragmente, die meine Gefühle und Erinnerungen widerspiegeln. Das kann ein Gedicht sein, eine Zeichnung, eine Fotografie, eine Geschichte. Anhand eines solchen Briefings entwickelte der Parfümeur Jerôme Epinette 2006 den Prototyp meines ersten Dufts. Seitdem arbeiten wir zusammen.“
Ben Gorham ist ein Quereinsteiger in die Kosmetikbranche. Seine Karriere in der europäischen Basketball-Profiliga scheiterte, weil er als Sohn einer Inderin und eines Kanadiers damals keinen schwedischen Pass vorweisen konnte, und Gorham entschied sich für ein Kunststudium in Stockholm. Auf der Suche nach einem Medium, mit dem er sich der Welt mitteilen konnte, stellte eine zufällige Begegnung mit dem Parfümeur Pierre Wulff die Weichen: Gorham beschloss, seine künstlerischen Ideen in Gerüchen und nicht etwa in Gemälden auszudrücken. Er tat sich dauerhaft mit Epinette und dessen Kollegin Olivia Giacobetti zusammen, die seine Ideen olfaktorisch umsetzten. Daraus entstand die Marke Byredo. „Als ich begann, mich mit Düften auseinanderzusetzen, sah die Welt der Parfüms noch anders aus. Klassische Parfümeure verwenden bis zu 70 Duftkomponenten, um ihre Kompositionen möglichst gefällig zu machen. Das war nicht mein Weg.“ Fünf bis sechs hochwertige Inhaltsstoffe, mehr wollte Gorham seinen Düften nicht aufladen. Dadurch sind sie klarer in ihrer Aussage, wenn auch weniger kommerziell. Doch genau das schien plötzlich gefragt. „Ich habe in einer Zeit angefangen, in der die Töchter nicht mehr wie ihre Mütter riechen wollten und ‚parfümig‘ ein Merkmal wurde, das einen Duft disqualifizierte“, sagt Gorham.
Wir spazieren mittlerweile den Prachtboulevard Strandvägen entlang, vom Vergnügungspark Gröna Lund jagen Musikfetzen über die Bucht. Schließlich überqueren wir eine Brücke auf die Insel Djurgården und betreten damit einen weiteren Ort, mit dem Gorham Kindheitserinnerungen verbindet. „Riechst du es?“ Er drückt die Schwingtür zur großen Halle des Vasa-Museums auf. „Als ich acht war, nahm mich meine Mutter hierhin mit.“ Die Geschichte des 1628 auf der Jungfernfahrt gesunkenen Schiffs fasziniert Gorham. „Erst 333 Jahre nachdem die Vasa im Hafen von Stockholm untergegangen war, konnte sie geborgen werden. Kaum zu glauben, wie lange dieses Holz im Wasser gelegen hat!“ Wir stehen vor dem schwarzen beeindruckenden Bug der Galeone, ihr Duft nimmt uns gefangen. „Auch meine Parfüms weisen fast alle Holzakkorde auf, neben Weihrauch etwa Zeder, Wacholder und Sandelholz.“ So ist zum Beispiel in „Bal d’Afrique“ – das Gorham seinem viel reisenden Vater widmete und das, wie er glaubt, bei vielen Menschen Assoziationen mit einer Vaterfigur hervorruft – der Duft der Atlaszeder dominant.

Für die Gerüche der Erinnerung hat kaum jemand Worte. Sie sind flüchtig, und doch haben sie sich für immer eingebrannt. Wir können nicht erklären, warum wir einen Geruch lieben und uns vor einem anderen ekeln. Wir erinnern uns, wie der Garten unseres Elternhauses gerochen hat, die Aula unserer Schule. Was wir riechen, stiehlt sich an der Vernunft vorbei, ist Affekt, bahnt sich einen direkten Weg vom limbischen System ins Herz. Diese Erinnerungen zu unterdrücken ist ein fast aussichtsloses Unterfangen. Das gilt erst recht für die hormongesteuerte Teenagerzeit, in der Gorham Hollywood für sich entdeckte.
Er führt uns ins Rio, ein altes Kino im Stadtteil Södermalm, das gerade renoviert wird und wenige Tage vor der Wiedereröffnung steht. Es erinnere ihn an die unzähligen Kinobesuche seiner Jugend. Aus den Polstern der roten Sessel, die auf die nächste Vorstellung warten, steigt ein trockener Duft von halb verflogenem Parfüm auf. „Mein Parfüm ‚Gypsy Water‘ ist eine Reminiszenz an das Hollywood der Siebziger“, sagt Gorham, nachdem er in einer der mittleren Reihen Platz genommen hat. „Es duftet pudrig, mit sanfter holzig-cremiger Stofflichkeit.“ Das kommt an: „Gypsy Water“ ist sein bislang bestverkaufter Duft.
Bei aller Lässigkeit, die der Schwede an den Tag legt: Gorham hat einen ausgeprägten Ehrgeiz. Auf die Frage nach der Konkurrenz sagt er nur knapp: „Chanel“. Er legt die Latte hoch. Auch in seiner Freizeit, die er gern mit Klettern und Kaltwassersurfen in Alaska verbringt, scheut er nicht das Risiko. Gorham hat seine Ziele fest im Blick – anders lässt sich die erfolgreiche Entwicklung seiner Firma in den letzten 13 Jahren nicht erklären: Byredo unterhält Büros in Stockholm und Paris, eine Handvoll Stores weltweit, es gibt neben Düften auch eine Taschen- und Brillenkollektion. Jedes Jahr entwickelt Gorham zwei neue Düfte. Was inspiriert ihn dabei? „Vor zehn Jahren waren es große Städte, die mich beeinflussten. Heute ist es die Natur“, sagt Gorham, während wir auf das halbhohe Tor eines Blumengartens zugehen: Rosendals Trädgård ist eine Oase aus Gärten und Gewächshäusern unweit eines Schlosses auf der Insel Djurgården. Hier kann sich jeder einen Strauß aus Gartenblumen pflücken oder in einem Café das selbst gebackene Brot und erntefrisches Gemüse probieren. „Dieser Ort entspannt mich sehr. Wenn die Kollegen aus Paris zu Besuch sind, halten wir gerne unsere Meetings hier ab.“ Blüten von Veilchen, Pfingstrose und Iris – sie geben seinen Unisex-Düften eine liebliche Facette.
Überhaupt, die Natur: Gorham baut gerade ein Haus auf einer Schäreninsel vor Stockholm, um ihr näher zu sein. Gut möglich, dass in seinem nächsten Parfüm die Kostuswurzel, die bislang ungewöhnlichste Ingredienz bei Byredo, auftaucht. Die asiatische Pflanze verströmt einen Geruch von Landleben und Ziege. Es könnte also sein, dass der nächste Byredo-Duft vom Ankommen erzählt.

Lufthansa Woman’s World
Ausgabe 4, 2019