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Bad Boy Gentleman

Art & Culture / Fashion

Anna Wintour nannte ihn ihren „favourite old naughty boy“. Seine weiblichen Akte machten ihn weltberühmt – lösten aber auch Genderdebatten aus. In diesem Jahr wäre Helmut Newton 100 Jahre alt geworden. Mit „The Bad and the Beautiful“ kommt nun ein Dokumentarfilm in die Kinos, der dem Leben des 2004 verstorbenen Fotografen nachspürt. Er tut dies aus Frauensicht, entlang der Erinnerung prominenter Wegbegleiterinnen, Modelle und Musen.

Die erste Aufnahme seines jungen Lebens machte Helmut Newton im Berlin des Jahres 1932. Der Zwölfjährige hatte sich von seinem Taschengeld eine eigene Boxkamera geleistet und stieg in Witzleben aus der U-Bahn, um den Funkturm an der Avus abzulichten. Es ist das letzte Bild auf dem Rollfilm und das einzige, das ihm bei seinem ersten fotografischen Gehversuch gelang. Alle anderen Aufnahmen waren schwarz geblieben, so erzählt Newton es in seiner Autobiografie.

Nur einen Steinwurf von diesem Schauplatz entfernt, am Witzlebenplatz, entsteht im heißen Sommer 2019 ein Film über ihn, den Sohn eines wohlhabenden jüdischen Knopffabrikanten, der aus Nazideutschland floh und nach dem Krieg in Australien für die australische „Vogue“ zu fotografieren begann – Arbeiten für die französische, italienische, amerikanische und die deutsche „Vogue“ sollten folgen. Im Lauf der 1970er Jahre wird Newton zu einem der begehrtesten Mode-, Porträt- und Aktfotografen der Welt.
Der Filmemacher Gero von Boehm blickt aus dem Fenster des großbürgerlichen Charlottenburger Hauses über den Lietzensee hinüber zum Funkturm. Es ist der Sitz von Lupa Film, seiner Produktionsfirma. Unten klingelt die Schauspielerin Hanna Schygulla. Gero von Boehm hat die Grande Dame des deutschen Kinos eingeladen, um mit ihr über den gemeinsamen Freund zu sprechen. In seiner Dokumentation anlässlich des 100. Geburtstags von Helmut Newton kommen ausschließlich Frauen zu Wort. „Frauen sind klüger und offener“, begründet von Boehm seine Entscheidung. Und natürlich spielten die Frauen im schöpferischen Leben Helmut Newtons auch die Hauptrolle. Gero von Boehm war in den letzten Monaten viel unterwegs, er hat in New York mit Isabella Rossellini, Anna Wintour und Phyllis Posnick gesprochen, sich in Paris mit Charlotte Rampling, Sylvia Gobbel und Carla Sozzani getroffen. In London besuchte er Marianne Faithfull und Claudia Schiffer und für Grace Jones reiste er sogar nach Jamaika.

Hanna Schygulla, die 2014 von Paris nach Berlin übergesiedelt ist, kommt zu ihm. Hanna und Helmut verband eine lebenslange Freundschaft. In einem luftigen schwarzen Kleid und mit rosigem Teint sitzt die 76-Jährige auf einem cremeweiß gepolsterten Stuhl und nippt an ihrem Wasserglas. „Ich war mir gar nicht sicher, ob ich von ihm fotografiert werden wollte“, erzählt sie mit klarer, fast mädchenhafter Stimme. Ihr typischer, etwas schleppender Tonfall ruft Erinnerungen an ihre Filmfiguren wach, an Petra von Kant, Effi Briest, Maria Braun und Lili Marleen, jene Frauen, denen Schygulla ihre unverwechselbare somnambule Aura verlieh. „So glamourös, wie er die Frauen gemeinhin darstellte, fühlte ich mich gar nicht.“
Hanna und Helmut lernten sich 1981 kennen, kurz nach den Dreharbeiten zu „Lili Marleen“. Sie, ein aufgehender Stern des Neuen Deutschen Films und die Muse des Enfant Terribles, Rainer Werner Fassbinder. Er, der Starfotograf, dessen hocherotische Visionen die Welt provozierten. Die Porträts, die bei ihren ersten beiden Begegnungen entstanden, wurden auf dem Gelände der Bavaria in den Kulissen von „Lili Marleen“ gemacht. Auftraggeber waren „Die Zeit“ für eine Filmbeilage und die „Vogue“ für eine Reportage. „Helmut mochte meine Ausstrahlung einer Berliner Straßengöre und ich hatte ein Faible für böse Buben“, sagt Schygulla. Man war sich sofort sympathisch. Er nannte sie das „blonde Gift aus Deutschland“, und obwohl er sie nicht explizit in erotischer Pose fotografierte, lösten die Porträts Kontroversen aus. Auch bei der „Vogue“. Denn als die Bilder der Schygulla die Redaktion erreichten, herrschte bei der Sichtung zunächst eisiges Schweigen. Bis eine Redakteurin flüsternd aussprach, was alle dachten: „The hair!“ Hingerissen von Hannas Natürlichkeit hatte Helmut die Schauspielerin gebeten, den Arm in den Nacken zu legen und sich an ihrer unrasierten Achselhöhle erfreut. „Zur damaligen Zeit ein absolutes No-Go“, erinnert sich Hanna Schygulla und beim Gedanken an den kleinen subversiven Akt blitzen ihre Augen vor Vergnügen.

US-„Vogue“-Chefin Anna Wintour gesteht Gero von Boehm vor laufender Kamera, dass sie beim ersten Shooting mit Newton als junge Redakteurin kniff und sich krankmeldete – zu viel Ehrfurcht vor dem Meisterfotografen. Später jedoch ließen sie und ihre Kolleginnen den Deutschen umso freier gewähren. Unvergessen sind die Aufnahmen für die französische „Vogue“, in denen eine Dame mit teurem Bulgari-Schmuck die Beine eines Brathuhns spreizt. Ein Skandal im Hause des traditionsreichen Juweliers. Oder die Hühner in High Heels, die Helmut Newton in seiner Küche in Monte Carlo fotografierte und deren umstrittenes Erscheinen in der US-„Vogue“ er in einem Fax an Wintour fröhlich mit den Worten Kaiser Wilhelms II. „Viel Feind, viel Ehr!“ quittierte. Die Offenheit, mit der Anna Wintour diese Anekdoten in „The Bad and the Beautiful“ erzählt, lässt erahnen: Gero von Boehm und Helmut Newton teilten eine Gabe – das Gespür dafür, eine Atmosphäre des unbedingten Vertrauens zu schaffen. Die Unverblümtheit, mit der Grace Jones über die Größe ihrer Brüste und das Topmodel Sylvia Gobbel über das Trimmen ihres Schamhaares sprechen, lässt die Dokumentation geradezu wie eine Fortsetzung der Newtonschen Fotografie mit dokumentarfilmischen Mitteln erscheinen. Charlotte Rampling, deren Ikonenstatus Helmut Newton mit ihren ersten gemeinsamen Aktaufnahmen im Grand Hotel Nord-Pinus in Arles mitbegründete, hat die Kamera offenbar komplett vergessen. Bei der Rückbesinnung auf die Anfänge ihrer Karriere taucht sie in ihre Erinnerungen ab – und erst nach tiefem Gründeln wieder auf.

Der Film, der Ende April in die Kinos kommt und es auf die Shortlist für den „Deutschen Filmpreis“ 2020 geschafft hat, gerät zu einem Klassentreffen der Klassefrauen, einem vielstimmigen Chor aus weltberühmten Solistinnen, deren Klugheit mit ihrer Schönheit um die Wette strahlt. Und die Fotos von Helmut Newton, die im Film gezeigt werden, erscheinen wie geliebte alte Freunde, deren Qualität im digitalen Zeitalter mehr denn je geschätzt wird – erzählerische Arbeiten mit kühler Erotik, von unerhörter Perfektion und einer bis dahin ungesehenen Ästhetik. Sie etablierten ein neues Frauenbild in Gestalt glamouröser Femmes Fatales mit schier endlos langen Beinen, die ihre Nacktheit selbstbewusst zur Schau stellten.

Doch nicht alle Frauen waren mit Newtons Darstellungsweise von Weiblichkeit einverstanden. Von Seiten der feministischen Bewegung erntete er zu Lebzeiten viel Kritik. Auch das klammert „The Bad and the Beautiful“ nicht aus. In einer Talkshow für das französische Fernsehen trifft der Fotograf auf die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Susan Sontag, die ihm eine misogyne Haltung unterstellt. „I love all women“, entgegnet Newton mit Nachdruck, doch Sontag – obwohl für seinen Charme nicht ganz unempfänglich, wie die Mimik verrät – kontert: „Wie der Herr seine Sklaven liebt.“
Die Österreicherin Sylvia Gobbel, eines der vier Modelle der ikonischen Serie „Sie Kommen“ von 1981, die das Quartett zunächst bekleidet und dann in genau der gleichen Pose nackt zeigt, sieht die Newtonschen Akte hingegen als Zeichen des weiblichen Empowerments. „Für mich ist die Message folgende: Starke Frauen brauchen keine Haute Couture, um ihre Autorität zu demonstrieren. Als ich Helmut Newton traf, war ich 17 Jahre alt, 1,80 groß und blond, und fühlte mich oft wie ein gejagtes Reh. Das änderte sich mit seinen Fotos von mir. Ich fühlte mich nun auf Augenhöhe mit den Männern, war mir meiner Macht viel bewusster.“ Isabella Rossellini, die sich selbst als Feministin bezeichnet, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Newton zeigte die Frauen als gefährliche Waffen – und in ihrer Ausstrahlung weitaus mächtiger als er. Damit gibt er einen Blick auf seine eigene Verletzlichkeit frei.“

Newton selbst begegnet uns im Film mit dem Ausspruch: „Menschen, die Macht ausstrahlen, interessieren mich am meisten. Sei es politische, finanzielle oder eben sexuelle Macht.“ War er wirklich der dominante Womanizer, den manche in ihm gesehen haben? Der Film setzt dahinter ein großes Fragezeichen und es klingt sogar an, dass Newtons Frau June die Instanz gewesen sein könnte, die die wichtigen Entscheidungen fällte. Tatsächlich zeigt Gero von Boehm in seiner Dokumentation verschiedene Facetten von Newtons Charakter, und wer bislang nur dessen Fotografien kannte, wird von seinem spitzbübischen Humor hingerissen sein. Er ist im Film allgegenwärtig. „Für mich war Helmut Newton der positivste Mensch, den ich kennenlernen durfte“, sagt von Boehm, der den Fotografen 1995 in der Berliner Paris Bar bei einem Abend mit Freunden zum ersten Mal traf. „Er selbst war von einer ungeheuren Leichtigkeit und hat immer nach vorne geschaut. Ich habe viel von ihm gelernt.“

Helmut Newton starb 2004 nach dem Verlassen seines Sehnsuchtsorts, des Chateau Marmont in Hollywood, bei einem Unfall mit einem Cadillac, den er sich von einem Freund geliehen hatte. In dem legendären Luxushotelam Sunset Boulevard, in das Newton über viele Jahrzehnte hinweg immer wieder zurückkehrte, beginnt und endet der Film. Mit seiner Hommage schlägt Gero von Boehm als Filmemacher ein neues Kapitel auf: Es ist seine erste Kinoproduktion, und nach 150 Fernsehfilmen sein persönlichstes Werk. „Ich habe in der Entstehungszeit oft nachts zum Funkturm hinübergeschaut und bin mit Helmut in einen inneren Dialog getreten. „Wie würdest du das machen? Bist du damit einverstanden? Nachdem ich 2002, also zu seinen Lebzeiten, bereits eine Dokumentation über ihn gedreht hatte, fühlte es sich oft so an, als würden wir noch einmal gemeinsam arbeiten.“
„Manche Menschen verschwinden nicht aus unserem Leben, sie bleiben“, sagt Hanna Schygulla, da ist die Kamera schon aus. „The Bad and the Beautiful“ macht eine posthume Begegnung mit dem ebenso genialen wie extrem sympathischen Mensch Helmut Newton möglich.

Vogue  Mai 2020