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Von der Kollektion zum Kollektiv

Art & Culture

Was sind schon zehn Jahre in der Welt der Kunst? Ein gutes Stück Weg, wenn das Genre so jung ist wie das der Medienkunst.

Oder genauer: das der „zeitgenössischen Kunst mit dem Fokus auf zeitbasierte Medien“. So nämlich charakterisiert Julia Stoschek das Zentrum ihres Sammlerlebens. Dass sie die 30 erst knapp überschritten hatte, als sie in Düsseldorf die Julia Stoschek Collection gründete, passt perfekt ins Bild. Am 10. Juni feiert diese nun ihr zehnjähriges Bestehen – als eine der bedeutendsten Videokunst-Sammlungen der Welt. Ein Novum: Erstmals legt Julia Stoschek, deren jährlich wechselnde Ausstellungen zu ihrem Selbstverständnis als Sammlerin gehören, die Konzeption einer Schau in die Hand eines Künstlers: Der Brite Ed Atkins kuratiert die Jubiläumsausstellung mit dem Titel ‚Generation Loss‘.

Stoschek und Atkins kennen sich gut. Vor fünf Jahren ehrte die Sammlerin den damals gerade 30-jährigen Künstler mit einer Retrospektive, präsentierte sein gesamtes filmisches Œuvre. Sie besitzt die wohl größte Sammlung seiner Videokunst. Seinen Lebensmittelpunkt hat Atkins in Berlin, dort unterhält Julia Stoschek seit einem Jahr eine Dependance. „Ed steht stellvertretend für die Generation der Digital Natives, und ich betrachte ihn darüber hinaus als international maßgeblichen Artist’s Artist.“

49 Arbeiten wählte Atkins aus der etwa 750 Werke umfassenden Julia Stoschek Collection aus. Sämtliche Videos werden auf großen Screens gezeigt und allesamt ins gleiche Format gezwungen. Die Bildschirme sind einheitlich ausgerichtet, so dass stets mehrere Werke auf einen Blick zu erfassen sind. Präsentiert werden sie in choreografierten Abfolgen und größtenteils in Zweiergruppen. Marina Abramović & Ulay treffen da auf Joan Jonas, Bruce Nauman läuft parallel zu Klara Lidén, Lutz Mommartz neben Paul McCarthy.

 

Photography: Simon Vogel

 

Julia Stoschek ist von Ed Atkins Konzept begeistert, auch wenn sie dafür zwei Etagen ihres historischen Gebäudes komplett entkernen musste. Akustikglas isoliert die einzelnen Arbeiten nun klanglich, ohne sie optisch voneinander zu separieren. Ein Aufwand, der laut Stoschek fast an den eines Neubaus heranreichte. Doch einmal von Atkins Idee überzeugt, scheute sie offenbar keine Umstände. „Ed bewegt sich ganz im Zeitgeist seiner Generation, die oft im Kollektiv arbeitet, die Thematik des Sharings neu umsetzt und ein neues Kommunikationsverhalten an den Tag legt, das letztendlich auch zu einer neuen Formensprache führt. Mit seinem Ausstellungskonzept eröffnet er die nie dagewesene Möglichkeit, die Sammlung wie auf einen Blick zu überschauen. So ist aus der Präsentation der Kunst ein Gesamtkunstwerk entstanden.“

Von der Kollektion zum Kollektiv – temporär zumindest. „Die Ausstellung beruht auf einer Gemeinschaft von Werken, Künstlern und Ideen. Die kommunitäre Form stellt die Arbeiten in innige Beziehung zueinander“, meint Atkins selbst. „I have a chance to temporarily suspend whatever hegemony of the collection, reconvene the elements in a different way, asking the words to speak in a different way. I want the words to speak in ways they do not neccessarily presume to: reflexivly.“ Dass der Brite dem Wort nicht nur in seinen filmischen Arbeiten eine hohe Bedeutung bemisst, ist bekannt. Mit ‚A Primer for Cadavers‘ hat er im vergangenen Jahr sogar sein erstes literarisches Werk veröffentlicht.

Und was verbindet er mit dem Ausstellungstitel ‚Generation Loss‘? Zunächst einmal beschreibt dieser den Qualitätsverlust, der mit dem Kopieren oder Komprimieren von Daten einhergeht, auch infolge sich weiterentwickelnder Technologien. Im Kontext der Ausstellung ist er für Atkins auch übertragbar auf Politik und Kultur, Gefühle und Meinungen – auf den gesellschaftlichen Wandel. Und es geht um die Art und Weise, wie Künstler ihre Vorgänger beerben, wie sie mit ihnen in Dialog treten. Speziell jene aus der Sammlung Stoschek. „Es gibt wohl keine Kunstgattung, die sich in den letzten zehn Jahren so maßgeblich verändert hat wie die Medienkunst, schon allein durch den technischen Fortschritt“, sagt Julia Stoschek. „Von der analogen VHS-Kassette zum digitalen Film – das war ein Quantensprung. Abgesehen von Gutenbergs Buchdruck hat die Digitalisierung in meinen Augen den größten soziokulturellen Wandel überhaupt eingeläutet.“

Tatsächlich gleicht der Gang durch die Ausstellung einem geschichtlichen Parcours: Von den Anfängen des Bewegtbilds bis zur Jetztzeit sammelt Julia Stoschek alles, was sich im Rahmen zeitbasierter Medienkunst bewegt. „Ich kann in meiner Sammlung die gesamte Zeitline der Gattung abbilden, das ist mir wichtig.“ Auf die Bitte nach einem Ausblick auf die nächsten zehn Jahre antwortet die 41-Jährige: „Ich glaube nicht, dass uns formal betrachtet noch einmal so große Veränderungen erwarten wie in der letzten Dekade. Trotzdem bleibt es enorm spannend. Bald wird es beispielsweise keinen haptischen Datenträger mehr geben. Auf inhaltlicher Ebene könnte sich eine komplett neue Gattung innerhalb der Medienkunst entwickeln: ‚Virtual Reality‘.“

Was immer im Cyberspace ansteht – in der realen Welt wird erst einmal ‚Generation Loss‘ gezeigt, zumindest für ein Jahr, vielleicht auch länger. „Time based art needs time“, lautet ein geflügeltes Wort in der Sammlung Stoschek. Und die möchte Julia der ‚Generation Loss‘ auch geben.

 

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19. Juni 2017